Sekundenschlaf: Müdigkeit beim Autofahren

Von Linda 2 November, 2023
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Müdigkeit am Steuer ist ein unglaublich weitverbreitetes, aber oft extrem unterschätztes Problem. Das bestätigt auch eine Umfrage des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) aus dem Jahr 2016. Dort gaben 26 Prozent von insgesamt 1.000 befragten Autofahrern zu, bereits mindestens einmal während der Fahrt eingeschlafen zu sein. Doch was hat es mit dem Begriff „Sekundenschlaf“ überhaupt auf sich? Wie kann man sich vor Schläfrigkeit am Steuer schützen? Und bei welchen Symptomen ist ein Arztbesuch unumgänglich?

Was ist Sekundenschlaf?

Unter dem Begriff „Sekundenschlaf“ versteht man eine spezielle Form der Schläfrigkeit am Steuer. So kann es bei einem Sekundenschlaf im Auto sogar vorkommen, dass die Fahrerin oder der Fahrer die Augen vollständig geöffnet hat. Somit schläft er weder richtig, noch ist er vollständig wach. Dieser Zustand birgt jedoch eine unglaublich große Gefahr. Denn das Fahrzeug ist während diesem Moment komplett führerlos, da die Fahrerin oder der Fahrer handlungsunfähig ist. Daher spricht man hier häufig auch von einem Blindflug. Befindest du dich erst einmal im Sekundenschlaf, kannst du das, was du siehst, nicht mehr ordentlich verarbeiten.

Achtung: Das sind ernstzunehmende Anzeichen!

Nicht selten endet der Sekundenschlaf hinterm Steuer tödlich. Diese ernüchternde Erkenntnis kannst du unter anderem auch einer Studie der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zu Anfang der 1990er Jahre entnehmen. Denn laut dieser ist der Sekundenschlaf für 24 Prozent aller tödlichen Autobahnunfälle verantwortlich.

Gerade bei Dunkelheit besteht die größte Gefahr von Sekundenschlaf. Und nach Mitternacht lässt die Konzentrationsfähigkeit rapide nach. Doch auch tagsüber können Fahrer und Fahrerinnen vom Sekundenschlaf überrascht werden. Jedoch geschieht dies normalerweise nicht ohne Vorwarnung. Es sei denn, der Betroffene bzw. die Betroffene leidet unter einer Sekundenschlafkrankheit wie zum Beispiel Narkolepsie.

Im Folgenden findest du einige Anzeichen, die auf einen drohenden Sekundenschlaf hinweisen können. Vor allem dann, wenn eine Kombination aus mehreren Anzeichen auftritt, solltest du unbedingt eine Pause einlegen:

  • Du musst häufig, beinahe dauerhaft gähnen
  • Deine Augen beginnen zu brennen
  • Du musst vermehrt mit deinen Augen blinzeln, um diese offen zu halten
  • Du beginnst zu frieren, obwohl es eigentlich angenehm warm in deinem Auto ist
  • Deine Augenlider sind schwer und du möchtest dir die Augen reiben
  • Du bemerkst eine Art Tunnelblick
  • Du hast Schwierigkeiten beim Halten der Fahrspur und fährst zwischendurch über den Seitenstreifen
  • Du verspürst eine verminderte Konzentration und deine Gedanken schweifen regelmäßig ab
  • Ein Gefühl von innerer Unruhe macht sich breit
  • Du bist plötzlich sehr schreckhaft
  • Du verspürst einen extremen Bewegungsdrang
  • Du bemerkst ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen an die letzten gefahrenen Kilometer
  • Du übersiehst Straßenschilder
  • Du verpasst eine oder gar mehrere Abzweigungen
  • Du fährst deinem Vordermann zu dicht auf
  • Du fühlst dich gereizt, nervös oder gar aggressiv
  • Du fährst, ohne es zu wollen, plötzlich viel langsamer oder gar schneller

Hinweis: Legst du häufig lange Autofahrten zurück, so solltest du unbedingt einen Blick auf unseren Beitrag zum Thema Tipps für lange Autofahrten werfen.

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Die häufigsten Gründe

Normalerweise trifft dich der Sekundenschlaf nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Häufig gibt es Gründe für den Sekundenschlaf. Zu den häufigsten Ursachen für Sekundenschlaf zählen unteranderem folgende:

Schlafmangel

Im Durchschnitt benötigt der Mensch rund acht Stunden Schlaf. Während die einen mit weniger auskommen, benötigen die anderen wiederum mehr. Wachst du am nächsten Morgen ausgeruht und fit auf, kannst du davon ausgehen, dass du ausreichend Schlaf hattest. Schläfst du jedoch mehrere Tage hintereinander nur sehr wenig, droht ein Schlafdefizit. Das wiederum kann dazu führen, dass sich dein Körper den Schlaf zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt holt. Zum Beispiel während dem Autofahren. Um diesem Szenario vorzubeugen, solltest du stets auf ausreichenden, erholsamen Schlaf achten.

Ein Ungleichgewicht der inneren Uhr

Jeder von uns hat seine eigene innere Uhr, die normalerweise einem 24-Stunden-Rhythmus folgt. Sie regelt eine Vielzahl unterschiedlicher Körperfunktionen wie zum Beispiel unser Schmerzempfinden und unser Verdauungssystem. Ebenso steuert sie unseren Schlaf- und Wachrhythmus. So ist unser Körper in den Abendstunden auf Schlaf und unter Tags auf Leistung programmiert. Ändern wir an diesem gewohnten Rhythmus etwas, gerät unsere innere Uhr ins Ungleichgewicht.

Wissenswert: Wusstest du, dass sich unser natürliches Tief zwischen zwei und fünf Uhr nachts befindet? Es folgt jedoch ein weiteres Tief in den Nachmittagsstunden. Ab 14 Uhr steigt daher die Unfallhäufigkeit im Straßenverkehr rapide an.

Arbeiten im Nacht- und Schichtdienst

Menschen, die im Nacht- oder Schichtdienst arbeiten, leben meist gegen ihren Biorhythmus. So sind sie tagsüber meist unglaublich müde, während sie nachts einfach nicht zur Ruhe kommen. Meist leiden sie neben körperlichen Beeinträchtigungen auch unter extremen Schlafstörungen. Diese wiederum ziehen eine innere Unruhe, ein Gefühl von Erschöpfung und eine erhöhte Tagschläfrigkeit nach sich.

Unzureichende Selbsteinschätzung

Besonders gefährdet sind Führerscheinneulinge, denn diese werden besonders gerne vom Sekundenschlaf übermannt. Das liegt meist daran, dass sie ihre Kräfte häufig falsch einschätzen, die Nächte durchfeiern und in den frühen Morgenstunden dann am Steuer von extremer Müdigkeit überrascht werden. Ebenso kommt es auch bei Urlaubern immer wieder zu schwerwiegenden Unfällen durch Müdigkeit.

Schlafkrankheiten

Häufig führen auch Schlafkrankheiten zum Sekundenschlaf während der Autofahrt. Bist du tagsüber chronisch müde und schläfst womöglich des Öfteren ungewollt ein? Dann kann es durchaus sein, dass du an einer ernstzunehmenden Schlafkrankheit leidest. Dahinter könnte zum Beispiel eine Atemstörung während dem Schlafen stecken. Bei einer sogenannten Schlafapnoe kommt es zu Atemaussetzern, durch die der Sauerstoffgehalt im Blut abfällt. Um dem entgegenzuwirken, löst der Körper eine Art Weckreaktion auf. Betroffene klagen infolgedessen häufig über Tagschläfrigkeit und unfreiwilligem Einschlafen.

Eine weitere Ursache könnte Narkolepsie, auch Sekundenschlafkrankheit genannt, sein. Menschen, die an dieser Erkrankung leiden, schlafen ohne Vorwarnung einfach ein, so beispielsweise auch beim Fahrrad- oder Autofahren. Sollten sich bei dir Anzeichen für ernste Schlafkrankheiten bemerkbar machen, ist ein Arztbesuch unabdingbar. Denn Schlafkrankheiten solltest du unbedingt behandeln lassen.

Alkohol- und Medikamentenkonsum

Nach dem Konsum von Alkohol oder der Einnahme von starken Medikamenten, sollte man sich keinesfalls hinters Steuer setzen. Denn sowohl Alkohol als auch starke Arzneimittel trüben die Sinne und die Wahrnehmung. So kann es passieren, dass du unerwartet müde wirst und die Kontrolle über dein Fahrzeug verlierst.

Sekundenschlaf: Das sind die Gefahren

Beim Eintreten des Sekundenschlafes ergibt sich der Körper unkontrolliert dem nötigen Schlaf, wenn auch nur für einen Bruchteil von Sekunden. Je nach Schlafdefizit dauert diese Phase meist nur fünf bis 15 Sekunden an. Birgt jedoch lebensbedrohliche Gefahren. Denn bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 100 km/h werden auf der Autobahn bereits nach einem Sekundenschlaf, der nur fünf Sekunden andauert, 140 Meter zurückgelegt. Diese verheerende Distanz kann bereits über Leben und Tod entscheiden. Die Betroffenen schlafen nahtlos ein, sodass es ihnen häufig nicht bewusst ist, dass sie gerade weggenickt sind. Beifahrer, eine Kollision oder ruckartige Bewegungen des Fahrzeuges können den Sekundenschlaf unterbrechen bzw. verkürzen.

Wissenswert: Auch Zugführer und Piloten sind regelmäßig vom Sekundenschlaf betroffen. Allerdings haben sie durch die gleichmäßige Fahrt- und Flugzeit nicht selten Schlafphasen von bis zu 120 Sekunden.

Außerdem erhöht Müdigkeit am Steuer die Unfallgefahr in einem ähnlichen Ausmaß wie Alkohol. Denn Übermüdung wirkt sich ebenso wie Alkohol auf die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit aus. Wer sich also nach einer durchgängigen Wachphase von 24 Stunden ans Steuer setzt, muss mit einer Fahrleistungsbeeinträchtigung rechnen, die einem Blutalkoholgehalt von einer Promille gleicht. Gerade im Straßenverkehr kann das fatale Folgen haben.

Rechtliche Regelungen: Kommt es aufgrund von Müdigkeit oder gar Sekundenschlaf zu einem Verkehrsunfall, kann der Unfallverursacher damit gegen §315c des Strafgesetzbuches verstoßen haben. Denn hier ist folgendes geregelt: „Wer im Straßenverkehr ein Fahrzeug führt, obwohl er infolge geistiger oder körperlicher Mängel nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen“ kann bei Gefährdung des Straßenverkehrs mit einer Geldbuße oder einer zweijährigen Freiheitsstrafe belangt werden. Vorausgesetzt die Gefahr wurde fahrlässig verursacht. Meist ist in diesen Fällen auch mit einem Fahrverbot oder aber mit dem Führerscheinentzug zu rechnen.

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Trugschluss: Das hilft nicht bei Sekundenschlaf

Mittlerweile kursieren einige Wachmach-Mythen, von denen du besser erst gar nicht Gebrauch machen solltest. Hierzu zählt zum Beispiel der Konsum von koffeinhaltigen Getränken wie Kaffee, Energie Drinks, Cola und Co. Diese machen dich zwar kurze Zeit wach, doch bereits wenige Minuten später kommt die Müdigkeit mit geballter Kraft zurück. Ebenso unwirksam sind das kurzfristige Öffnen der Fenster und lautes Musikhören. Bei drohendem Sekundenschlaf zeigen auch diese beiden Maßnahmen keinerlei Wirkung.

Ebenso leben einige Autofahrerinnen und Autofahrer in dem Glauben, dass sie aufgrund ihrer ausreichenden Fahrpraxis aufkommende Müdigkeit ausgleichen können. Doch hierbei handelt es sich ebenfalls um einen Mythos. Denn ähnlich wie alkoholisierte Autofahrer merken auch schläfrige Fahrer nicht, wie stark sie tatsächlich beeinträchtigt sind. Sie unterschätzen ihre Fähigkeiten enorm und gefährden trotz vorhandener Fahrpraxis sowohl sich selbst als auch andere Verkehrsteilnehmer.

Die besten Tipps gegen Sekundenschlaf!

Mit diesen Tipps bist du bestens gegen Müdigkeit am Steuer und drohende Sekundenschlafunfälle gewappnet:

  • Fahre nur ausgeschlafen und ausgeruht. Um dies sicherzustellen, solltest du auf deine „Schlafhygiene“ achten. Gehe zu regelmäßigen Zeiten schlafen und halte dein Schlafzimmer bestenfalls frei von Störfaktoren wie elektrischen Geräte. Bei Einschlafproblemen können Rituale helfen, denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere.
  • Ernähre dich möglichst gesund und ausgewogen. Gerade in den Abendstunden solltest du auf fettige Speisen verzichten. Denn diese liegen schwer im Magen und bereiten dir einen unruhigen Schlaf. Vor längeren Autofahrten solltest du nur leichte Kost zu dir nehmen und gänzlich auf den Konsum von Alkohol verzichten.
  • Lege nach spätestens drei Stunden hinterm Steuer eine kurze Pause
  • Trinke während der Fahrt ausreichend Wasser oder ungesüßten Tee und nimm kleine Stärkungen wie Obst oder Rohkost zu dir.
  • Achte stets auf eine gesunde Sitzhaltung.
  • Sorge während der Autofahrt für eine gute Belüftung, denn Sauerstoffmangel macht müde.
  • Bewege dich während deinen Pausen an der frischen Luft, denn das belebt und macht fit. Vielleicht machst du aber auch einige Gymnastikübungen an der frischen Luft oder steigst einige Treppen hinauf und wieder hinunter.
  • Lege einen Powernap Meist reichen bereits 30 Minuten Schlaf aus, um erholt und aufmerksam weiterzufahren. Wichtig ist, dass du den Kurzschlaf auf maximal 30 Minuten beschränkst. Anderenfalls könnte es passieren, dass du in den Tiefschlaf fällst. Der bleibende Effekt eines derartigen Powernaps hält normalerweise rund vier bis fünf Stunden an.
  • Fahre lange Strecken am besten immer in Begleitung eines Mitfahrers. Dieser kann dein Fahrverhalten beobachten und im Falle von aufkommender Müdigkeit entsprechend handeln.

Tipp: Entscheidest du dich für einen Kurzschlaf, so empfehlen wir dir vor dem Schlafen einen Espresso zu trinken. Da das enthaltene Koffein seine Wirkung erst nach rund 30 Minuten entfaltet, hindert es dich nicht am Einschlafen. Jedoch unterstützt es dich effektiv beim späteren Erwachen.

Neben den ebenerwähnten Vorbeugemaßnahmen, die Autofahrer selbst in der Hand haben, gibt es auch spezielle technische Maßnahmen. Denn schließlich sind sich auch die vielen Autobauer über die ernstzunehmende Problematik des Sekundenschlafs bewusst. Unter anderem könnte das autonome Fahren eine Lösung gegen den Sekundenschlaf am Steuer sein.

So funktionieren die praktischen Müdigkeitswarner im Auto!

Wie bereits erwähnt, haben heute immer mehr Fahrzeuge spezielle Müdigkeitswarner in ihrer Serienausstattung. Dabei erkennt der Fahrzeugassistent eine müde Autofahrerin oder einen müden Autofahrer und fordert die Person zu einer Pause auf. Im Hintergrund arbeiten spezielle Software-Systeme. Diese werten nicht nur das Spurhaltevermögen und die Lenkbewegungen aus, sondern oftmals auch das Augenverhalten der Fahrer. Sofern die Sollwerte zu stark von den Istwerten abweichen, wird der Fahrer zu Beginn sanft, später dann immer deutlicher darauf hingewiesen, eine Pause einzulegen. Einige besonders innovative Müdigkeitswarner beziehen in ihre Berechnungen sogar die Fahrtdauer, das Blinkverhalten und die Tageszeit mit ein.

Gut zu wissen: Die EU-Kommission hat im Jahr 2019 vorgeschrieben, dass ab 2024 alle Neuwagen mit einer Müdigkeitswarnung ausgestattet sein müssen.

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Bildnachweise:
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